Texte aus der Kategorie 'Bücher im Test'

Alpha-Journalisten und Beta-Porträtisten

Alpha-JournalistenIch fand es nie so schwer, ein Urteil über ein Sachbuch zu sprechen. Nun hat mir der Verlag aber kostenlos ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Also fühle ich mich verpflichtet auch etwas darüber zu schreiben.

“Erstmals”, so heißt es im Klappentext von Die Alpha-Journalisten – Deutschlands Wortführer im Porträt, “legen Branchenkenner eine aktuelle biografische Skizze der deutschen Einheitspublizistik vor”. Und das darf man gut und gern maßlos übertrieben finden.

Ich jedenfalls wollte das Buch nach Lektüre der ersten beiden Porträts wütend in die Ecke feuern und es in der Luft zerreißen. Grund waren unfassbar furchtbare Texte über Stefan Aust (SPIEGEL-Chefredakteur) und Thomas Leif (Journalisten-Darsteller).

Beiden Porträts fehlte jede kritische Distanz zu den Porträtierten. Beide lasen sich, als berichteten die Autoren direkt aus dem Anus ihrer Betrachtungs-Subjekte. So lässt man Stefan Aust in seiner Karriere von Erfolg zu Erfolg reiten, erwähnt durchaus, dass er damals gegen den Willen der Belegschaft zum SPIEGEL-Chef ernannt wurde, meidet jedoch alles, was dieses Heldenbild am Strahlen hindern konnte. Ganz im Gegenteil – Aust wird zum Retter des SPIEGEL erklärt.

Kein Wort aber fällt über die internen Skandale, in denen Aust sein Blatt womöglich für persönliche Zwecke instrumentalisiert hat. Keine Erwähnung finden die prominenten Abgänge renommierter Journalisten, die gegen seine innerbetriebliche Politik opponierten. Aust ist nur groß. Sowas nenne ich nicht Porträt, sondern Lobhudelei.

Und das setzt sich ebenso schlimm im Stück über Thomas Leif fort. Jener Fernseh-Journalist, der als Repräsentant des Vereins “Netzwerk Recherche” hohe ethische Ansprüche an seine Berufsgruppe stellt (“Journalisten machen keine PR”).

Nach diesen beiden schlechten Geschichten hatte ich mit dem Buch abgeschlossen und es tagelang nicht mehr zur Hand genommen. Bis gestern. Zwei von 30 Porträts sind schließlich keine gute Basis für eine Rezension.

Gute Entscheidung. Denn das Buch bietet auch köstliche Lektüre. Und da ganz vorne dabei ist das Porträt von Kai Diekmann. Ganz leise, mit einer Portion Süffisanz, seziert der Autor sein Gegenüber und legt still die gesamte Bigotterie der Person Diekmann offen, der in seinem Blatt gern über die Gehälter deutscher Manager berichten lässt, sich bei seinem eigenen dann aber doch sehr mädchenhaft hat.

Das Geheimnis dieses großartigen Stücks liegt aber wahrscheinlich darin, dass der Autor Brite ist und dieses Porträt für eine britische Zeitung geschrieben hat. In vielen anderen Geschichten liest man förmlich die Angst der Autoren, noch einmal beruflich an ihre “Opfer zu geraten”. Deshalb wird gelobt, gepudert, verschwiegen, vertuscht. Nur wenige wahren die kritische Distanz und zeigen beide Seiten ihres Porträtierten, die strahlende und die dunkle.

Nahezu alle Porträts scheitern zusätzlich am Anspruch des Buches, die “biografische Skizze” der deutschen Medienlandschaft zu liefern. Am Ende jedes Porträts gibt es zwar eine Auflistung der wichtigsten Karriere-Stationen, in den Texten selbst aber finden sich selten biografische Fakten.

Im Rahmen einer Veranstaltung sagte Maybrit Illner, selbst porträtierte Alpha-Journalistin, man könne das Buch lesen, es aber auch sein lassen. Damit hat sie sehr recht.

Es ist ein Autoren-Buch mit mehr als 30 Mitwirkenden. Entsprechend schwankt die Qualität enorm. Wenige Highlights bieten amüsante Lektüre, einige Stücke sind ärgerlich. Und 23 Euro eine Menge Geld dafür.

Die Alpha-Journalisten. Deutschlands Wortführer im Porträt

415 Seiten, broschiert

Verlag Herbert von Halem

ISBN 978-3-938258-29-3

admin | Montag, 16. Juli 2007 | 07:52
Bücher im Test | 2 Kommentare

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