Texte vom November 2007
Podium in der Diskussionskrise
Fast live von den Medientagen München (in den Sälen stehen keine Steckdosen zur Verfügung)
Es sollte um die Kreativitätskrise der Verlage gehen. Verbunden mit der Fragestellung: “Warum zu viel Marketing und Marktforschung den Printhäusern schadet”. Und sehen wir mal von der mangelnden Grammatik ab. Sehen wir gern auch davon ab, dass zu viel Marketing selten ein Problem war. Allein die Beleuchtung der Frage, inwieweit die Marktforschung der großen Medienhäuser Kreativität im Keim erstickt, kann ja höchst interessant sein. Insbesondere in Zeiten, in denen der Medienkonsum solchen Umwerfungen unterliegt wie derzeit.
Ich hatte selbst einst das Vergnügen, im Hause Gruner+Jahr an einigen ganz passablen Nullnummern mitzuwirken, die dann totgeforscht wurden, während das selbe Haus zur selben Zeit ein ganz furchterregendes Magazin startete, das folgerichtig nur wenige Ausgaben erlebte. Und Stefan Krüger, Chefredakteur des Branchenmagazins Werben & Verkaufen hatte durchaus Gäste auf dem Podium, die dazu wahrscheinlich Interessantes hätten sagen können:
- Dr. Werner Funk, einst Chefredakteur von Manager Magazin, Spiegel und Stern, heute freier Berater
- Dr. Adrian Weser, Marktforscher der Bauer Verlagsgruppe
- Petra Kruse, Geschäftsführerin pilot München (Media-Agentur)
- Frank Pöpsel, Chefredakteur Focus Money
Doch auch das interessanteste Podium ist natürlich relativ wertlos, wenn der Moderator immer ziemlich genau am Thema vorbei fragt.
Einig waren sich die Diskutanten ausnahmsweise mal in der Einsicht, dass die großen Printtitel in der Krise stecken. Auflagen und Brutto-Werbeeinnahmen sinken kontinuierlich. Und das weit umfangreicher als offiziell verlautbart. Denn natürlich werden die Auflagen mit Sonderverkäufen und Bordexemplaren geschönt. Und da die Brutto-Netto-Schere immer weiter aufgeht (also der Unterschied zwischen den Listenpreis-basierten angenommenen Anzeigeneinnahmen und den tatsächlich realisierten Werbeumsätzen) dürfte auch das Minus auf der Seite der Anzeigeneinnahmen weit größer sein.
Und einhellig beklagten die Podiumsteilnehmer auch, dass Verlage fast nur noch von Kaufleuten regiert werden, während Vorstände mit journalistischem Profil immer seltener werden:
Da setzen ehemalige Vorstandsassistenten, die jetzt Vorstände sind, jemanden nur deshalb als Chefredakteur ein, weil er einen Adelstitel und ein angeblich gutes Telefonbuch führt. Manchmal sehe ich in den Vorständen eine souveräne Verachtung des Journalismus.
(Dr. Werner Funk zu inzwischen ja korrigierten Entscheidung, Alexander von Schönburg zum Park-Avenue-Chefredakteur zu machen).
Solche unterhaltsame Spitzen, regelmäßig von Funk geliefert, fanden ihren Rahmen in vollkommen absurden Bemerkungen wie der von Frank Pöpsel:
Blogs, ach Blogs (abschätzige Handbewegung) – also ich schreibe und redigiere lieber selbst.
Und man will nur rufen: Hä?
Ebenso, wenn die Herrschaften postulieren, dass kreative Magazine nur in kleinen Verlagen entstehen und dabei Beispiel nennen wie Cicero, das sich der Ringier-Verlag, immerhin das größte Medienunternehmen der Schweiz, als Liebhaberei leistet. Oder wenn im Rahmen einer Kreativitäts-Diskussion im Wesentlichen das Me-too-Modell diskutiert wird.
Marktforschung war immerhin auch noch Thema, wenn auch erst auf Publikumsnachfrage. Und auch da herrschte Einigkeit: Sie kann der Redaktion wohl die Schwächen eines Heftes aufzeigen, aber nicht konstruktiv zum Entstehen guter Magazine beitragen. Das war’s.
Ach, hätte das eine spannende Diskussion werden können. Wenn es doch nur ums Thema gegangen wäre und bei den Medienprofis nicht immer wieder diese bemitleidenswerte aus Desinteressiertheit geborene Unkenntnis Neuem gegenüber durchscheinen würde.
Das also sind die Medientage
So richtig Bombenstimmung herrscht auf Kongressen und Branchentreffen ja nie. Aber so viele miesepetrige Gesichter sind mir auf die Frage “Na, wie wars bisher?” selten gezeigt worden. Vielleicht kenne ich zu viele schlecht gelaunte Menschen.
Ich habe mir heute einen Überblick verschafft und es darüber in keine der Diskussionsveranstaltungen geschafft. Das stehe dann morgen an.
Aber immerhin gibt es jede Menge Alkohol for free. Das kann die Laune ja auch heben.
Elefanten beim Sterben zusehen
Autsch! Thomas Knüwer berichtet bereits von den Medientagen München. Und es tut ein bisschen weh. Ich werde ab morgen nachmittag auch vor Ort sein und live aus den Print-Panels bloggen. Soweit die technischen Gegebenheiten das zulassen.
Bravo ist out!
Jugendzeitschriften haben es schwer. Deshalb war die Freude groß, als es vor einigen Jahren plötzlich Tokio Hotel gab. Endlich wieder eine Band, die man auf das Cover von Bravo und Co. bringen konnte. Und die jungen Menschen dankten es und ließen die Auflagen steigen. Doch leider ist es damit derzeit wieder vorbei. Die Zielgruppe von damals ist aus dem Bravo-Alter heraus und auch die Euphorie um die Band aus Magdeburg scheint sich (zumindest in Deutschland) gelegt zu haben. Die Auflagen der großen Player stürzen (wieder einmal) ab.
Wie schwer es Jugendzeitschriften haben, beschreibt dieser Artikel in der Süddeutschen Zeitung von Viola Schenz.
Wenn die Zeit reif ist
Toll. Pünktlich – nur rund sechs Monate nach akutem Hype-Sterben – kommt nun das Magazin zum ehemaligen Trend-Thema “Second Life”, dem kurzzeitig meistüberschätzten Phänomen des Internets. Am 15. November startet der Bendorfer Runway-Verlag (nicht zu verwechseln mit dem Augsburger Runway-Verlag) mit SLM – Das Second Life Magazin in einer Auflage von 30.000 Exemplaren an den Kiosk. Musikjournalist Peter Vignold verantwortet das Heft als Chefredakteur.
Monatlich soll es dann für 3,99 Euro auf mehr als 100 Seiten alles Wissenswerte rund um die virtuelle Welt geben. Wobei die Inhaltsangabe schwer nach den größten Hits der 70er, 80er und 90er klingt, also einmal alles bitte. Tipps für Einsteiger, Tricks für Fortgeschrittene, tolle Adressen in Second Life, Hardwaretests und SL-Gesichtspunkten und so weiter und so fort. Wobei es klingt, als sei eine Menge Munition schon für die Erstausgabe verschossen worden.
Ich packe das Ganze mal auf Wiedervorlage in sechs Monaten. Mal sehen, ob es das Heft dann noch gibt. Ich wette dagegen.
