Texte vom Oktober 2007
Mode selber machen
Vor einiger Zeit habe ich einer sehr guten Freundin zum Geburtstag ein Abo des Burda Modemagazins geschenkt.
Wenn ich diese Freundin dienstagabends anrufe, erreiche ich sie nicht, weil sie dann beim Nähkurs ist. Für mich war das zunächst sehr befremdlich. Ein Nähkurs ist für mich eine Art der Freizeitgestaltungen, die meine Mutter bis Ende der 60er Jahre wahrgenommen hat. Zugegebenermaßen lernte meine Mutter dort Handwerk, um sich ihr sehr edles Hochzeitskleid im Jackie-O.-Stil selbst zu nähen.
Damit ich beim Geburtstag der Freundin nicht mit einem langweiligen Umschlag vor ihr stehe, hatte ich – quasi als Symbolgeschenk – eine Ausgabe des Modemagazins gekauft. Beim Durchblättern des Heftes war ich überrascht, dort nicht Schnitte für Kittel und Blümchenblusen zu finden, sondern zum Teil wirklich geschmackvolle Modelle. Die überzeugten mich dann aber doch nicht so sehr, dass ich mit einem Nähkurs begonnen hätte oder mir fortan Kleidungsstücke anhand der Schnitte von einer Schneiderin meines Vertrauens nähen lassen würde.
Offensichtlich möchte Burda jedoch auch Nähschläfer wie mich – junge Frauen die nie Handarbeitsunterricht hatten, sich aber potenziell für selbstgenähte Kleidung interessieren würden, weil sie individueller und, im Gegensatz zu Designerstücken, auch günstiger ist – aktivieren.
Ohne große Ankündigung erschien am 5. Oktober erstmals das Magazin 1st ROW. Chefredakteur ist Armin Morbach, der junge Mann mit Fetisch-Leder-Kappe aus der ersten Staffel von Germany’s Next Topmodel. Für das Editorial hat er sich allerdings eine Stoffkappe aufgesetzt.
Bleiben wir gleich mal beim Editorial. Angesprochen werden soll die modebewusste Frau, die Wert auf Individualität legt:
Sie finden in dieser Ausgabe 21 Modelle, die Sie selbst nachnähen können. [...] In einer Zeit, in der alles immer schneller, besser und dem Trend entsprechen muss – und sich alle Damen immer mehr gleichen –, denken wir: Es ist Zeit wieder seinen eigenen Stil zu zeigen. Und wie würde das besser funktionieren, als sich etwas Einmaliges, Einzigartiges selbst zu schneidern? Mit dem Stoff, der mir gefällt dem ganz speziellen Knopf, der besonderen Farbe….
Der Mann hat Recht. Eigentlich sieht man auf der Straße nur bejeanste Frauen mit T-Shirts in den Farbvariationen Schwarz, Blau, vielleicht Rosa oder Rot. Je nach Mode stecken die Jeans in den Stiefeln oder über den Stiefeln. Die Frage bleibt: Hält das Heft was es verspricht?
In drei Modestrecken Mit 1st ROW backstage, Selbstbewusster Auftritt: Absolute Perfection und Endlich wieder Farbe: Color Proofs werden Burda-Modelle – zum Teil handelt sich dabei um bearbeitete Modelle aus dem Fundus der alten Aenne Burda (1909-2005) – neben aktuelle Mode gesetzt beziehungsweise mit aktueller Mode (von Chanel bis H&M) kombiniert.
Die Fotos gleichen denen der klassischen Modezeitschriften wie Vogue oder Elle. Einerseits werden so die Selbstmachmodelle aufgewertet, andererseits ist es auch ein bisschen langweilig. Denn ich hatte mehr erwartet als eine schnöde Kopie der Hochglanzmagazin-Ästhetik.
Trotzdem – die Idee ist gut. So gut, dass mir die Vorstellung, mich zu einem Nähkurs bei der VHS anzumelden, um mir das 1st ROW Wollkleid Nr. 710 selbst zu schneidern, gar nicht mehr so fern ist.
Angelehnt an andere Modemagazine, können sich die nähenden oder nähen lassenden Leserinnen auch in Artikel über Aenne Burda – wie überraschend – oder ein Interview mit dem Dior-Homme-Desinger Kris van Assche vertiefen. Die Texte sind nicht zu kurz, nicht zu lang und insgesamt gut geschrieben. Sehr interessant fand ich den Beitrag von Axel Botur über vier junge Mode-Designer.
Eher ärgerlich, weil langweilig und sowas von abgeschmackt, war der Reisebericht über – gähn – Capri und Cannes. Da wird es jetzt im Winter übrigens auch kalt. Völlig überflüssig ist zudem die letzte Seite, auf der wichtige Modegrößen aufschreiben, wen sie sich in ihre erste Reihe wünschen. Mag sein, dass es auch an Joop lag, der wohl beim Schreiben seiner Wunschreihe gerade keinen kreativen Schub hatte. Eine unterhaltsame Modekolumne – ich würde mich da notfalls und selbstlos anbieten – würde einen besseren Dienst tun.
Und was mir ehrlich gesagt auch fehlte, war das beigefügte Schnittmuster. Es wäre ausgesprochen lässig gewesen, im Herzen dieses Magazins einen adrett gefalteten Bogen mit einer Anleitung für den Minirock 706 zu finden. Schließlich ist es ein Burdamode-Heft, da sollte man gute alte Traditionen doch fortführen.
Mein erstes Mal
Mal nichts mit Zeitschriften. Eher so Sport. Ich bin fremdgegangen.
Besser spät als nie?
Es war im Jahr 2000, da führte Bettina Wündrich als Chefredakteurin von VOGUE Business das Pocket-Format in Deutschland ein. Als Chefredakteurin von Glamour zeigte Sie, dass man ein regelmäßiges Magazin erfolgreich als Mini herausgeben kann. Etliche Verlage haben seither nennenswerte Verkaufserfolge mit den handtaschenfreundlichen Frauenzeitschriften erzielt.
Und jetzt? Jetzt kommen auch die Verantwortlichen im Jahreszeitenverlag auf den Trichter. Petra erscheint im Dezember und Januar mit zusätzlicher Pocket-Ausgabe. Damit, so heißt es, solle das Objekt gestärkt, der Verkauf angekurbelt werden. Wow! Deutsche Verlage – ein Hort der Innovation, Kreativität und Zukunftsfähigkeit.
MAX meets Lufthansa-Magazin
Ach, ich hatte das befürchtet. Ja, Vorurteile sind was schlimmes. Noch schlimmer ist es aber, wenn sie so beeindruckend bestätigt werden wie bei RICH. Schon die Idee für dieses Magazin klang so wahnsinnig überflüssig. “Deutschlands erstes Status-Magazin” wollten die Macher präsentieren. Und begannen schon mit einer Lüge. Sogar die Lufthansa gibt ein Status-Magazin heraus. Seit Jahren.
Nur wahrscheinlich mit einem qualifizierteren Verteiler. Denn bei der Lufthansa weiß man, wieviel Geld die Status-Passagiere allein dort lassen. Ich bezweifle, dass sich die mehr als 500.000 Empfänger, die RICH ungefragt per Post erhalten, so klar klassifizieren lassen. Sagen wir mal so – ich kenne RICH-Empfänger, die ich und die sich selbst eher nicht zum “ausgesuchten Leserkreis” (Anschreiben) der “anderen Führungskräfte, Manager und Unternehmer” (Editorial) zählen würden.
Aber auch sonst ist RICH ja eher ein leeres Versprechen. “Intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau” versprachen die beiden Chefredakteure Christian Müller und Andreas Wrede im Begleitschreiben zur ersten Ausgabe. Und dann kommen so ausgelutschte wie schlecht geschriebene Geschichten dabei raus wie das Interview mit Werner Baldessarini. Man lässt ihn – Überraschung! – über Mode und Stil sprechen. Und Autor Wolf Dieter Böttcher garniert die ja nicht uninteressanten Aussagen Baldessarinis mit so geistreichen Einwürfen wie
Seine Mitarbeiter [...] lächeln. Es ist klar, sie mögen ihren Chef.
oder
Es ist schwer, ein Interview mit Werner Baldessarini zu beenden. Man möchte es auch gar nicht. Denn seine Begeisterung für alles, was mit Mode zu tun hat, ist ansteckend.
Wie überraschend. Und das bei einem Modemacher. Verrückte Welt.
Er liebt seinen Job. Und ist authentisch, sagt schonmal “Bullshit”, wenn er anderer Meinung ist.
Hui, wie aufregend. Bullshit. Ein Rebell!
“Schreiben S’des alles aber nicht so bierernst”, sagt Werner Baldessarini zum Abschied [...]
Und man wünscht sich, der Autor hätte drauf gehört. Und das alles nicht so plattitüdenhaft bierernst ohne jede Liebe zur Sprache runtergeschrieben.
Ach, und so geht das weiter. Eine Reportage über Moskau, zusammengezimmert aus den einfallslosesten Sätzen, die in den letzten 10 Jahren in Illustrierten über die “Boomtown” geschrieben wurden. Da wird das Ritz Carlton zum Haus, “das keine Wünsche offen lässt”. Das ist so inspirationslos.
Und sonst?
Ach, reden wir nicht drüber. Eigentlich ist RICH eine Frechheit. Glauben die wirklich, dass Menschen der angepeilten Zielgruppe so einen Schmarrn brauchen? Das Magazin besteht zu einem großen Teil aus Product Placement, wie es Max & Co. seit Jahre zelebrieren. Ein bisschen Zigarren-Kram, ein bisschen Auto-Werbung als Redaktion getarnt, ein bisschen Technik-Kram, wie man es aus dem Playboy kennt, ein bisschen Reisereportagen-Surrogat auf Basis von PR-Fotos wie im Lufthansa-Magazin. Ich finde in diesem Heft auch wirklich nichts, was als besonders, individuell, neu oder auch nur als attraktiver Journalismus zu bezeichnen wäre.
Und diesen Scheiß tatsächlich als “intelligente Unterhaltung auf hohem Niveau – geprägt von Kennerschaft, Kreativität, Originalität und publizistischer Tiefe” zu bezeichnen, ist so unverschämt, dass man sich als Empfänger eigentlich nur verarscht vorkommen kann.
Insofern ergibt es natürlich wieder Sinn, dass das Magazin kostenlos versendet wird. Da will ich mal nichts sagen, das Vertriebskonzept passt zum Inhalt. Wenn ich tippen müsste, würde ich schätzen, der Anteil an unbezahlten PR-Fotos liegt bei 80 Prozent, die persönliche Recherche bei unter zehn.
Ich sage: RICH is the new POOR im Zeitschriftenmachen.
Morgen kommt übrigens die zweite Ausgabe. Die Pressemitteilung dazu klingt irgendwie viel positiver, als dieser Text.
Neues von Brandeins
Es gibt was Neues von meiner Lieblingswirtschaftszeitschrift “Brandeins“: Und zwar “Neuland“. Das soll der regionale Ableger des Magazins werden, der vier bis sechsmal im Jahr erscheinen wird. Wer mehr erfahren möchte, lese bitte hier.
