Texte vom Januar 2007
Short Look
Der Markttest beweist: Wir gewinnen LOOK-Käufer, ohne FRAU IM SPIEGEL-Käufer zu verlieren. Die beiden Titel dürften bundesweit eine Gesamtauflage von rund 420.000 Exemplaren erreichen.
So publizierte Gruner+Jahr noch im September. LOOK, war ein Klon von FRAU IM SPIEGEL. Nur die Aufmachung der Hefte war unterschiedlich. Mit dem Konzept sollten jüngere Leser gefunden und gebunden werden, denen FRAU IM SPIEGEL zu spießig ist.
Hätte klappen können. Das Konzept liegt nun aber auf dem Friedhof.
weddingstyle
Kommen wir nun zum einzigen Hochzeitsmagazin in Deutschland, das man empfehlen kann, ohne sich nachher dafür zu schämen: weddingstyle. Kern des Magazins, das erst fünf Mal erschien, sind die Hochzeitsreportagen.
Wenn man heiratet, tut man dies ja meist zum ersten Mal und selbst beim zweiten Durchlauf würden sich sicher nur wenige Menschen als erfahren bezeichnen. Man hat einfach keine Ahnung vom Heiraten aber umso größere Erwartungen an das Fest. Von sieben Hochzeiten, die ich in meinem Leben bisher besucht habe, waren gerade drei Feste so schön, dass sie für mich Vorbildfunktion haben könnten.
Anders als beim Matratzenkauf kann man vor dem Kauf einer Hochzeit kein Probeliegen machen, und das obwohl man für den Preis einer Mittelklasse-Hochzeit ein ganzes Kinderheim mit Matratzen versorgen könnte. Leider ist es auch sehr schwer, sich aus Informationszwecken auf andere Hochzeiten einzuladen.
Wenn man eine Hochzeit plant, braucht man vor allem Informationen. Ein Hochzeitsmagazin, das einem vor allem Informationen darüber gibt, in welches Kleid man am besten mit einer Größe 38 oder 36 passt, ist zwar hübsch anzusehen, hat aber den Nutzen einer Papaya wenn man Lust auf saure Gurken hat.
Diese Lücke füllt weddingstyle. Pro Ausgabe besucht man Dank der mehrseitigen Reportagen fünf bis acht Hochzeiten. Die Paare sind alt, jung, dünn, dick, hübsch, weniger-hübsch aber meist gut fotografiert. Praktischerweise findet man im Serviceteil die Kontaktdaten der Fotografen, deren Reportagen man zuvor bewundert hat. Vieles von dem was man sieht, entspricht nicht dem eigenen Stil ist aber es ist in gewisser Weise inspirierend.
Die Erläuterungen zu den Reportagen sind zwar zuweilen etwas sonnig-pädagogisch formuliert
Die Buchsbaumkränzchen sehen, in Reih und Glied aufgehängt wie ein Vorhang, einfach nur toll aus. Gela hatte sie mit Perlen verziert und mit Organza-Schleifenband versehen, um sie später als Autobänder zu verteilen.
aber oft interessant.
Darüber hinaus gibt es für Menschen, die viel Freude am Dekorieren, Basteln, Backen und Blumenbinden haben, detaillierte Anleitungen und Tipps für die Tischdekoration, die Einladungskarten/Papierkram, Häppchen für den Sektempfang oder zum Bau von Hochzeitstorten.
Beeindruckt war ich von der Liste mit 400 Top-Locations. Selbst unsere Lokalität, die eine Art Geheimtipp ist und Hochzeiten nur nebensächlich beherbergt, war gelistet.
Im Herzen er Zeitschrift liegt der Interaktive Weddingplanner (organisatorische Anleitung zur Durchführung einer Hochzeit). Ich weiß zwar nicht, was daran interaktiv ist, er wirkt aber sehr umfangreich. Ich habe ihn aber auch noch nicht benutzt. Bisher haben der Verlobte und ich die Situation ohne interaktive Hilfe gut im Griff.
Auch bei der Brautkleidfrage geht weddingstyle einen anderen Weg als die anderen Magazine. Pro Ausgabe gibt es eine Reportage wie eine normal-aussehnde Frau ein schönes Kleid kauft oder schneidern lässt.
Unterhaltsam, aber wie ich finde wenig nützlich, ist der Outfit-Finder je einmal für Braut und Bräutigam. Wie bei dem Kinderspiel bei dem das Bild eines Tieres in drei Partien (Kopf, Oberkörper und Beine) geteilt ist und man durch das Untereinanderlegen der Körperteile Fantasiegestalten basteln kann, ist es hier möglich das Outfit zu kombinieren (Kleid, Schleier/Frisur, Schmuck, Schuhe).
Von Kleid, über Dekoration, zu Zeremonie bis hin zu Trauringen, Torten und Flitterwochen wird jeder relevante Themenbereich innerhalb (eines) Heftes mehr oder weniger ausführlich angesprochen.
Das fand auch eine Hochzeitstortenkonditorin, mit der ich mich auf einer Hochzeitsmesse unterhielt. Ich hatte in weddingstyle über ihre Arbeit gelesen. Genauso wie ich war sie der Meinung, dass es sich hier um das einzige informative Magazin handeln würde. Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch, dass die Chefredakteurin Christine Sperl wohl langjährig als Hochzeitsplannerin tätig war und irgendwann genervt von den Zero-Content-Magazine beschlossen hat, ein Besseres zu machen.
Dass ihr dies gelungen ist, ermittelte auch meine persönlich angelegte empirische Studie. Zwei Freundinnen, die für ein Wochenende zu Besuch waren und sich auf meine Hochzeitsmagazine stürzten, als stände darin, wie man eine Million Euro in zwei Tagen verdient, teilten mir mit getragener Stimme mit, dass weddingsstyle ja wohl das einzige Magazin wäre, das was taugen würde und fragten mich, warum ich mir denn bitteschön die anderen Hochzeitsheftchen gekauft hätte?
Keine Ahnung, wahrscheinlich um darüber schreiben zu können. Naja und wegen der Bilder.
Wenn Sie sich fragen, warum so viele neue Hefte auf den Markt kommen, sage ich Ihnen, das läuft nach dem Motto Ulrike Meinhofs. Bei „Konkret“, bevor sie Terroristin wurde, hat sie immer gesagt: „Zeitschriften sind Unternehmungen, die Anzeigenraum produzieren als Ware, die durch den redaktionellen Inhalt absetzbar sind.“ Eine zynische, aber zutreffende Denkweise von Verlagen. Viele dieser Luxusmagazine kommen doch nur auf den Markt, weil die werbetreibende Wirtschaft sagt: „Macht doch mal was, wo wir Gucci und Co. bewerben können.“ Wenn Sie sich dann die Auflagen angucken, kommen Ihnen die Tränen.
Stefan Aust im Tagesspiegel vom 28.1.07
Emma

30 Jahre Emma – Zeit, um einmal ein paar Worte über mein Verhältnis zu dieser Zeitschrift zu verlieren. Was bedeutet mir diese Zeitschrift von Alice Schwarzer? Ganz ehrlich? Die Antwort auf diese Frage lautet schlicht und ergreifend: nichts. Ein einziges Mal stand ich im Zeitschriftenkiosk und dachte mir, och, könntest dir ja mal die Emma kaufen. Das ist noch gar nicht so lange her, da zierte nämlich Jürgen Vogel das Titelblatt. Ein Mann auf der Emma, ist ja eher selten gewesen, in den vergangenen 30 Jahren.
Einerseits ist es wohl traurig, dass ich nicht ein einziges Mal in meinem Leben Emma gelesen habe. So als Frau, junge Frau unter Männern. Und andererseits ist es vielleicht gar nicht so schlimm: Schließlich findet man Frauenthemen nicht nur in Emma, sondern auch in anderen Zeitschriften. Und auch wenn ich es nicht wirklich beurteilen kann, weil ich dieses Magazin bisher vortrefflich ignoriert habe, ist es vermutlich trotzdem ein Verdienst von Emma, dass ich in den vergangenen 30 Jahren nie wirklich Emma lesen musste. Weil meine Mutter zuhause immer Brigitte las, weil es auch in anderen Zeitungen und Zeitschriften (mittlerweile) Frauenthemen gibt.
Wenn also Emma oder Alice Schwarzer also Frauenthemen, Feminismus und all den Kram in die deutsche Medienlandschaft gebracht hat, dann stimmt mich die Lektüre dieser Jubiläumszeitschrift verdammt traurig. Nicht, weil es anscheinend immer noch total wichtig ist/sein muss oder was auch immer, dass es Emma gibt. Nein, eher weil Emma es in all den Jahren nicht geschafft hat, sich so zu präsentieren, dass sie Spaß macht. Sie geht Themen an, die sicherlich irgendwie wichtig sind, aber so verquast geschrieben sind, dass höchstens Hardcore-Frauen diese gerne lesen.
Nun lehrt die (Frauen)Geschichte, dass, wann immer eine Spezies systematisch lächerlich gemacht wird, es damit eine besondere Bewandnis hat und die behauptete Lächerlichkeit, also Marginalität, meist im Gegensatz steht zur tatsächlichen, nämlich beachteten und für einige sogar bedrohlichen Bedeutung dieser Spezies.
(Entnommen aus dem Text: “Frauenbeauftragte – jenseits des Klischees”.)
Langweilig sind die Promi-Glückwünsche (Harald Schmidt, Reinhold Beckmann, Kai Diekmann, Dörte Gatermann (Architektin), Peter Hahne u.v.m.). Sie dürfen sagen, was sie 1. an Emma freut und 2. ärgert. Ihr seid sicherlich nicht sonderlich überrascht, dass die schlimmsten weil vorhersehbarsten Antworten auf diese Fragen auch die am meisten verwendeten Antworten sind. Sinngemäß: 1. und 2.: Dass es sie gibt.
In einem Text über Sarah Wiener geht es vor allem darum, dass sie kocht und eine Frau ist. Auch der Text über eine Betriebsratsvorsitzende thematisiert vor allem das Geschlecht der beschriebenen Person und als es dann um die EU-Generalanwältin Juliane Kokott geht, erfahre ich lerne noch hinzu, dass man Journalistinnen immer noch mit großem I schreibt.
Egal, ob Ulla Schmidt oder die vier Stimmenimitatorinnen (drei Angela Merkel, eine Ulla Schmidt) – Warum nur muss jeder Text das Frausein oder irgendeine Metaebene des Frauseins thematisieren?
Ich weiß nicht, wie oft ich mittlerweile Geschichten darüber gelesen habe, wie beschissen es als alleinerziehende Mutter ist: Die Anfeindungen aus den Kindergärten, von Kollegen, Freunden, Nachbarn, was für eine Rabenmutter man doch sei. Wahrscheinlich ist es wichtig, dass diese Texte geschrieben werden, immer wieder geschrieben werden. Ich kann’s nicht mehr lesen.
Das ist wohl ebenfalls ein Verdienst von Emma. Die Übersättigung. Ich weiß nur nicht, ob dies auch beabsichtigt war.
Töchter in Stellung
Ha! Heute zum ersten Mal in meinem Leben einen Wikipedia-Eintrag bearbeitet. Den von Heinz Bauer. Denn ab heute ist seine Tochter Nicola Chefredakteurin von InTouch, nicht mehr Stellvertreterin. Ihr Vorgänger in dieser Position, Marc Werthmann, “verlässt den Verlag und wird sich neuen Herausforderungen stellen.”
Wie in letzter Zeit im Hause Bauer üblich, fällt auch die Wertschätzung für Werthmann in der Pressemitteilung sehr schmal aus:
Die Geschäftsleitung dankt Marc Werthmann für sein Engagement in der Bauer Verlagsgruppe.
Für gewöhnlich liest man da je eher Sätze wie “hat zur erfolgreichen Positionierung des Titels beigetragen” oder so.
Mirja Bauer ist Mitglied der Laura-Verlagsleitung, Yvonne kümmert sich inzwischen ums Vertriebsgeschäft und die internen Ermittlungen im Abo-Skandal, Nicola ist aufgerückt.
Neuer Trend Hörmovies?
Vielleicht habe ich das mit diesem Movie auch falsch verstanden. Ich hielt bei dem, womit sich die Programmzeitschrift TV Movie beschäftigt, eigentlich das optische Erlebnis für das Highlight. Nun verlegt sich der Bauer-Verlag jedoch aufs Hören. Gemeinsam mit Bertelsmanns Buchverlag Random House geben die Hamburger unter dem Label TV Movie-Kopfkino zehn Hörbücher zu Kinofilmen heraus. Vierzehntäglich erscheint dann jeweils eine Box mit vier CDs zum Preis von 9,95 Euro. Los geht’s mit “Fight Club”.
Wahrscheinlich fällt das unter “Markenspreizung”.
2:2 im SPIEGEL-Fight
Im Wahlkampf um den Geschäftsführungs-Posten der SPIEGEL-Mitarbeiter KG geht es ja, wie berichtet, nicht allzu feingeistig zur Sache.
Gabor Steingart, Chef des Berliner Büros, ausgewiesener Buddy von Chefredakteur Stefan Aust und Bewerber um einen Posten im einflussreichen Gremium, nahm den neuen Verlagsgeschäftsführer Mario Frank ins Visier. Den aus Sachsen kommenden Manager nannte er wohl despektierlich einen “Mann aus der Provinz”.
Thomas Darnstädt, Inhaber und Verteidiger des umkämpften Titels, wollte seinen Widersacher dafür abmahnen lassen. Doch Aust schaffte es, seinen Kumpel zu beschützen. Wie man hört, sei er kein großer Fan von Darnstädt und handelte für Steingart eine Rüge aus.
Nun wird zurückgebolzt. An mehreren Stellen wurde Darnstädt das Zitat zugeschrieben, die SPIEGEL-Auflage werde “Woche für Woche nach oben gelogen”. Auch nicht schön. Dementis von Darnstädt gab es umgehend.
Dem Münchner Mediendienst Kontakter hingegen verriet Aust: “Nach meinen Informationen hat Herr Dr. Darnstädt diese Aussage tatsächlich gemacht.” Zugleich stellte er natürlich klar, “dass der SPIEGEL in puncto Auflagenehrlichkeit absolut korrekt ist”.
Eine Abmahnung für Darnstädt wäre jetzt natürlich angesagt, sähe aber angesichts der Steingart-Maßnahme unschön aus. So lief es für den KG-Geschäftsführer wohl gleichsam auf eine Rüge hinaus, die er von der Chefredaktion erhalten habe.
- 1. Runde – Momo wird eingestampft (Vorteil für beide)
- 2. Runde – Steingart kassiert Rüge statt Abmahnung
- 3. Runde – Rüge statt Abmahnung auch für Darnstädt
Punktgleichheit, Verschnaufpause. Und dann auf zur vierten Runde?
Momos Zeitblume verwelkt
TEMPO-Gründer Marcus Peichl hatte den Job, für den SPIEGEL-Verlag ein Kulturmagazin zu entwickeln. Name der Entwicklungs-Redaktion: Momo. Nun kam die Nachricht, dass das Projekt begraben wurde. Interessant sind die Hintergründe. Aber um die vollumfänglich verständlich zu machen, will ich an dieser Stelle mal ein bisschen arg ausschweifen.
“Nirgendwo anders”, heißt es in einer Selbstdarstellung des SPIEGEL, “ist die Idee, die Beschäftigten eines Unternehmens auch zu Inhabern zu machen, so konsequent verwirklicht worden.” Nehmen wir mal an, das stimmt – dann ist auch nirgendwo anders so eindrucksvoll bewiesen worden, wie schädlich die Mitarbeiter-Beteiligung für die Entwicklung eines Medienunternehmens sein kann.
Das Magazin SPIEGEL und seine Ableger (uniSPIEGEL, SPIEGEL Special etc.) erscheinen in der SPIEGEL Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG. Diese GmbH gehört zu
- 23,75% der Augstein Erbengemeinschaft, zu
- 25,25% dem Verlagshaus Gruner+Jahr AG & Co. (Stern, Brigitte etc.), zu
- 50,00% der Komanditgesellschaft Beteiligungsgesellschaft für SPIEGEL-Mitarbeiter mbH & Co. (kurz: Mitarbeiter KG, sowie zu
- 1,00% der Rudolf Augstein GmbH
Der SPIEGEL gehört also zur Hälfte seinen Angestellten. Und da die Mitarbeiter KG auch in der Rudolf Augstein GmbH mit einem Anteil von 50,5% das Sagen hat (Augstein-Erben 24%, Gruner+Jahr 25,5%), geht ohne die eigene Mannschaft nichts im Verlag.
Die Idee kam von Magazin Gründer Rudolf Augstein selbst. In der Eigendarstellung der SPIEGEL-Gruppe liest sich das so:
Seit 1974 sind Redakteure, Dokumentationsjournalisten und Verlagsangestellte dank der Schenkung Rudolf Augsteins 50-Prozent-Teilhaber des SPIEGEL-Verlags. Jeder Mitarbeiter, der drei Jahre beim SPIEGEL arbeitet, kann sich als stiller Gesellschafter an der Mitarbeiter KG beteiligen. Diese “Kommanditgesellschaft Beteiligungsgesellschaft für SPIEGEL-Mitarbeiter mbH & Co.” ist Gesellschafter des SPIEGEL-Verlags.
Die Mitarbeiter-Beteiligung war von Anfang an als Teil der Alterssicherung gedacht. Es gibt im SPIEGEL keine allgemeine Pensionskasse, die Gewinnausschüttung dient daher auch der Altersvorsorge. In jedem Frühjahr werden nach einem ausgeklügelten Punktesystem, das Betriebszugehörigkeit und Jahresgehalt berücksichtigt, die 50 Prozent des SPIEGEL-Gewinns verteilt, die der KG zustehen.
Die Rechte der stillen Gesellschafter der Mitarbeiter KG werden von fünf gewählten Geschäftsführern vertreten. Zurzeit sind dies Dr. Thomas Darnstädt, Armin Mahler, Karl Heinz Gill, Carsten Türke und Cordelia Freiwald. Die Geschäftsführer werden auf drei Jahre gewählt und sind ehrenamtlich, also zusätzlich zu ihrer normalen Arbeit, tätig. Sie entscheiden darüber mit, wenn ein neuer Chefredakteur berufen wird und Tochtergesellschaften wie die SPIEGEL TV GmbH gegründet werden.
Nun hört man allerdings nicht selten, dass Augstein selbst Jahre später sehr unglücklich über seine Entscheidung war, die Hälfte seines Babys zu verschenken. Und wer will das in Frage stellen? Die Mitarbeiter sind der größte Bremsklotz beim Vorankommen des Verlages.
Da mag man einwerfen: “Warum? Dem Magazin geht’s doch gut.” Aber das greift zu kurz. Ja, im Augenblick steht der Verlag gut da. Doch schon seit Jahren gilt auch im SPIEGEL-Hochhaus an der Brandstwiete die Erkenntnis, dass die Aufstellung des eigenen Unternehmens höchst fragil ist. Zwei Drittel seines Gesamtumsatzes macht der Verlag mit dem SPIEGEL.
Nehmen wir mal an, das Magazin würde in eine fundamentale Krise rutschen. Sinkende Verkäufe, einbrechende Anzeigeneinnahmen… Soll es ja geben. Das würde den Verlag ziemlich hart treffen. Weil es keinen Geschäftsbereich gibt, der so viel Gewinn abwirft, dass er eine Krise beim Muttermagazin auffangen könnte. Der Verlag braucht eigentlich seit Jahren dringend neue Geschäftsfelder, weitere Zeitschriften.
Natürlich ist das Magazin nicht die einzige Aktivität der Verlages. Im Lauf der Jahre wurden durchaus einige weitere gegründet. So zum Beispiel:
- 1971 manager magazin (in der Tochter manager magazin Verlagsgesellschaft mbH)
- 1979 Harvard Businessmanager
- 1988 SPIEGEL special (zeitweise unter dem Titel SPIEGELreporter)
- 1995 KulturSPIEGEL (Abo-Beilage)
- 1997 SPIEGEL Jahres-Chronik
- 1998 UniSPIEGEL
Na? Was fällt da auf? Richtig, die bedeutenden Gründungen im Verlag fanden in den Siebzigern statt. Danach gab es nur noch todsichere Line Extensions der Marke SPIEGEL. Aber nichts Aufregendes mehr, das die Unabhängigkeit vom Muttermagazin stärken konnte.
Warum ist das so? Die Antwort steckt bereits in der oben zitierten Eigendarstellung:
In jedem Frühjahr werden nach einem ausgeklügelten Punktesystem, das Betriebszugehörigkeit und Jahresgehalt berücksichtigt, die 50 Prozent des SPIEGEL-Gewinns verteilt, die der KG zustehen.
Die Mitarbeiter sind am Gewinn des Verlages beteiligt. Das gibt jedes Jahr eine hübsche Summe auf das ohnehin nicht kleine Jahresgehalt drauf. Damit rechnen die Mitarbeiter natürlich Jahr für Jahr. Bei vielen springen bei der Gewinnausschüttung mehr als zwei Monatsgehälter raus.
Nun ist es aber kein Geheimnis, dass jede Neugründung im Medienbereich zunächst mal Geld kostet. Zwischen drei und fünf Jahren gibt man einem neuen Magazin, bis es die Gewinnschwelle erreicht. Im Klartext: Investiert der Verlag in neue Standbeine, geht das zu Lasten des Gesamt-Gewinns. Sinkt der Gewinn, bekommen die Mitarbeiter weniger Geld.
Das führt dazu, dass die Mitarbeiter KG nahezu jede Neugründung verhindert. Aus Angst ums eigene Geld. Was zählt schon die langfristige Zukunftssicherung, wenn in diesem und vielleicht auch in den nächsten Jahren weniger Geld ins eigene Säckl kommt?
Böse Unterstellung? Vielleicht. Aber ich glaube, ich kann’s beweisen. Es ist ja nicht so, dass es keine Ambitionen für neue Projekte gab. So versuchten sich die Hamburger 1997 in der Entwicklung eines ganz neuartigen Wirtschaftsmagazins. Im Oktober gab es grünes Licht, im April 1998 erschien das Magazin namens ECONY zum ersten Mal.
Die Branche feierte das neue Konzept. Die Redaktion um Gabriele Fischer hatte ein wirklich gutes Heft an den Start gebracht. 24.000 Exemplare gingen von der ersten Ausgabe über den Ladentisch. Schon kurz nach Erscheinen der zweiten bekam der Verlag, bekamen die Mitarbeiter allerdings kalte Füße. Man stellte das Magazin ein.
Verlegerisch vollkommener Unsinn. Kein Magazin bewährt sich nach Nummer eins. Die Verkaufszahlen der zweiten Nummer kannte man ja noch gar nicht. Auch die Werbekunden überschlugen sich noch nicht mit Anzeigen-Aufträgen. Die Mitarbeiter fürchteten um ihren Gewinn und zuckten zurück.
Kleine Ironie der Geschichte: Das Team um Gabriele Fischer machte eine wechselvolle Geschichte durch. Und setzte das ECONY-Konzept mit brandeins fort, das bis heute erscheint und, wie man hört, gar nicht so unerfolgreich ist.
So läuft das beim SPIEGEL. Und so lief es mit Momo. Nur unter verschärften Bedingungen. Denn zur Zeit herrscht Wahlkampf im SPIEGEL-Verlag. Die Geschäftsführung der Mitarbeiter KG wird neu besetzt. Und Gabor Steingart, Leiter des Berliner Büros, Kumpel sowie Nachfolge-Aspirant von Chefredakteur Stefan Aust, hat es auf die Position des KG-Geschäftsführers Thomas Darnstädt abgesehen.
In dem Getümmel geht es nicht sonderlich feingeistig zu. So berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem schönen Stück über die internen Machtkämpfe zum Beispiel über einen Konflikt zwischen Steingart und dem neuen Verlagsgeschäftsführer:
Steingart hatte auf einer Wahlveranstaltung vor Korrespondenten gesagt, man habe im Spiegel gegen den erstklassigen Geschäftsführer Karl Dietrich Seikel mit Mario Frank einen Mann aus der Provinz eingetauscht, der bei Gruner + Jahr wohl keine große Karriere mehr vor sich gehabt hätte.
Daraufhin machte sich Widersacher Darnstädt für Disziplinarmaßnahmen gegen Steingart stark, der das laut Hamburger Abendblatt mit den Worten konterte: “Wir brauchen eine disziplinierte Diskussion, keine Disziplinarmaßnahmen”.
Inmitten dieses Kampfgetümmels geriet auch Momo ins Schlachtfeld. Und starb. Dabei, so heißt es, hatte sich gerade die Mitarbeiter KG anfangs für das Projekt stark gemacht. Man wollte ein weiteres Magazin, neben dem von Aust – der einst gegen starken Widerstand der Mitarbeiter KG Chefredakteur wurde – dominierten Schlachtschiff. Darnstädt selbst lag viel an Momo.
Und Peichls Team lieferte offensichtlich auch etwas Marktfähiges ab. Der Dummy für Momo fand Gefallen in der Markforschung. Anzeigenabteilung und Vertrieb waren nach anfänglicher Skepsis optimistisch.
Und doch will niemand mehr das Heft. Stefan Aust war nie von der Kultur-Konkurrenz angetan. Und auch Fürsprecher Darnstädt bläst inzwischen ins Skepsis-Horn. Nun heißt es nämlich, das neue Magazin könne dem SPIEGEL nur schaden. Da mag man fragen, wie ein Magazin, das zu einem Drittel aus Kulturterminen und zu zwei Dritteln aus Reportagen und Lesestücken aus dem Kulturbetrieb bestehen sollte, dem politischen Wochenmagazin das Wasser hätte abgraben sollen.
Und so muss man wohl davon ausgehen, dass es wiederum die Mitarbeiter waren, die beim einem Start von Momo um ihre Gewinnausschüttungen fürchteten. Die Bewerber um den Geschäftsführungsposten wollten ihrem Wahlvolk entsprechend deutlich machen: Wir kämpfen für Euren Jahresbonus und gegen neue Experimente, die Geld kosten.
Für den neuen Verlags-Geschäftsführer Mario Frank, gerade vor drei Wochen als Nachfolger in die großen Fußstapfen von Karl Dietrich Seikel getreten, war es wahrscheinlich der erste Konflikt im neuen Amt. Vielleicht wäre es im Sinne der langfristigen Entwicklung klug von ihm gewesen, die vermeintliche Machtprobe durchzustehen. Vielleicht war es im Sinne seiner eigenen Karriere klug, dem Hauptgesellschafter entgegenzukommen und Momo abzublasen.
Die bisher von dem Projekt verursachten Kosten – man darf wohl locker von einem Millionenbetrag ausgehen – werden abgeschrieben.
Über weitere Entwicklungsprojekte soll erst entschieden werden, wenn die derzeit laufende Überprüfung der Wachstumsstrategie des SPIEGEL-Verlages abgeschlossen ist
hieß es aus dem SPIEGEL-Hochhaus. Aber so heißt es eigentlich seit Jahren schon. Und letztlich klingt das mit jedem Jahr stärker nach langfristigem Selbstmord aus Angst vor dem Tod.
“Nirgendwo anders”, heißt es in einer Selbstdarstellung des SPIEGEL, “ist die Idee, die Beschäftigten eines Unternehmens auch zu Inhabern zu machen, so konsequent verwirklicht worden.” Nehmen wir mal an, das stimmt – dann ist auch nirgendwo anders so eindrucksvoll bewiesen worden, wie schädlich die Mitarbeiter-Beteiligung für die Entwicklung eines Medienunternehmens sein kann.
Re: V.i.S.d.P. – die pdf-Ausgabe. Ab jetzt jeden Freitag neu.
Guten Tag, sehr geehrter Herr Hetzel.
Wir kennen uns noch nicht persönlich. Ich möchte Ihnen heute für die freitägliche Zusendung Ihres Hinweises auf die jeweils aktuelle PDF-Ausgabe von V.i.S.d.P. danken. Vielleicht ist es aber für uns beide besser, wenn Sie mich da künftig aus dem Verteiler streichen.
Der Niedergang Ihres Mediums ist so schmerzhaft, weil das alles mal mit einem wirklich amüsanten Heft begonnen hat.
Ich war schon sehr nachsichtig, als Sie uns als Abonnenten später als alle anderen über die Einstellung des Print-Magazins informiert haben. Und dann war ich irgendwie auch zu bequem, um mal nachzufragen, wie das eigentlich mit dem vorab bezahlten Abo-Geld ist, über das Sie nie ein Wort verloren haben.
Aber dieses peinliche PDF-Ding ist dann doch der kleine Dreh zu viel. Uninspiriert zusammengeklatschte Meldungen kann ich auch im “journalist” lesen. Zudem schaffen Sie es, Woche für Woche “Interviews der Woche” ohne jeden Erkenntnisgewinn für Ihre Leser zu publizieren. Hajo Schumachers Kommentare sind irgendwie auch nur noch Mainstream-Zusammenfassungs-Luftblasen. Und Gala-Fotos… Naja, irgendwie ja verzichtbar. Vor allem seit die Sprechblasen strunzdoof hingekalauert werden und nur die Hälfte der abgebildeten Menschen auch einen Namen bekommt.
Ich glaube, wir brauchen wirklich mal ein gutes Medienmagazin in Deutschland. Ich war ja sogar bereit, dafür zu zahlen. Ich weiß, ich war zu wenige. Aber nichts für ungut, unsere Wege sollten sich hier trennen.
Vielleicht gab sogar den Ausschlag, dass Sie jetzt auch noch mit dem offensichtlichen Schlechtabschreiben ohne Quellen-Nennung begonnen haben. Unter dem Stichwort “Nekrolog” nennen Sie “von den 85 im letzten Jahr eingestellten Zeitschriften” jene, die Ihre Redaktion am meisten vermisst. Und wir wissen ja, dass Sie die dem Nekrolog von retromedia.de entnommen haben. Denn wir wissen ja, dass im letzten Jahr noch viel mehr Zeitschriften als die benannten 85 gestorben sind. retromedia.de nennt nur eine Auswahl. Was da ja auch steht. Was Ihre Leser nicht erfahren, weil Sie eben schlecht abschreiben und auch keine Quelle nennen.
Also, machen Sie’s gut. Oder anders – wenn Sie’s wieder gut machen, lese ich gern von Ihnen.
Herzliche Grüße
Sebastian Marquardt
Zwei kleine und feine Ergänzungen: eins, zwei. Und eine fiel mir selbst noch ein. Der vollkommen anachronistische Teilnahme-Modus an der Vanity-Fair-Wette nämlich. Ausdrucken, ausfüllen, faxen.
Der Drückerkönig, die Sexorgien und die Bauer Vertriebs KG
Für Verleger Bauer ist der Skandal nicht nur wirtschaftlich, sondern auch persönlich ein harter Schlag. Der 66-Jährige gilt als besonders misstrauisch und vorsichtig, vor allem fremden Menschen gegenüber.
Unerschütterliches Vertrauen schenkt er nur seiner Familie; seiner Frau und seinen vier Töchtern, die bereits alle im Verlag mitarbeiten. So ist es auch kaum verwunderlich, dass er mit der Aufklärung des Korruptionsskandals ein Familienmitglied beauftragt hat: seine 29-jährige Tochter Yvonne Saskia.
Auch das Manager Magazin beschäftigt sich – zumindest online – inzwischen mit den Gepflogenheiten im Bauer-Vertrieb und der Zusammenarbeit mit der Emrich Vertriebsgesellschaft (EMV).
