Texte vom September 2006
Die Praline wird weiter gelutscht
Die Praline ist doch nicht tot. Nach ihrem plötzlichen Tod Anfang September (Bauer hatte das Titten-Blatt wegen nachhaltigen Misserfolgs eingestellt) kam heute die Meldung ihrer Wiederauferstehung. Bemerkenswerter Weise allerdings nicht vom Verlag, sondern vom Nationalvertrieb. Also von dem Dienstleister, der für den Verlag den Kiosk-Vertrieb organisiert. In diesem Fall die Verlags Union (VU), Ihres Zeichens wiederum Tochter des bisher herausgebenden Verlags.
In der Pressemitteilung verschweigt die VU denn auch den künftigen Verleger, findet dafür aber viele schmeichelnde Worte für die künftige Praline:
Mit der Weiterführung des erstmalig 1954 erschienenen Print-Objekts praline wird nicht nur ein Stück deutsche Mediengeschichte erhalten; der interessierten Zielgruppe wird vielmehr weiterhin detaillierte Information in allen wichtigen Bereichen des Lebens und des Alltags geboten – eine in der hiesigen Medienlandschaft bislang einmalige Themenkombination aus Erotik, Feature, Aktueller Reportage, Technik, Gesellschaft und Politik sowie Ratgeber, Hilfe zur Selbsthilfe in schwierigen Lebenssituationen.
Das beinhaltet auch, dass die Aktion “Raus aus der Arbeitslosigkeit” mit ihren kostenlosen Experten-Beratungselementen in den Bereichen “Jobsuche und Hartz IV”, “Geldsorgen” und “Private Probleme” der stetig steigenden, millionenstarken Zahl der ratsuchenden Menschen in Deutschland weiterhin zur Verfügung steht.
Mediendienste melden übrigens übereinstimmend, dass der ungarische GLM-Verlag aus Dunasziget das Blatt übernommen hat. Verleger Robert Gabor bringt das entsprechende Know-how mit. Zu seinem Portfolie zählen bereits neun deutschsprachige Softsexmagazine mit Titeln wie Oho oder Genial obszön.
Mehr Anzeigen in Zeitschriften
In den ersten neun Monaten des Jahres wurden in deutschen Magazinen im Vergleich zum Vorjahr mehr Anzeigenseiten geschaltet. Um 3,9 Prozent stiegen die Buchungen laut Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ). Damit, so die Verbands-PR, spiegele sich der Optimismus von Wirtschaft und Verbrauchern auch in den Magazinen.
Überdurchschnittlich gewonnen haben die Segmente Programmzeitschriften (+11,6 Prozent/11.259 Anzeigenseiten), Aktuelle Zeitschriften und Magazine (+11,1%/15.752) sowie die monatlichen Frauenzeitschriften (+10,9%/10.949) und die Wirtschaftspresse (+5,7%/10.708). Bei den kleineren Segmenten gewinnen unter anderem Elternzeitschriften (+9,5%/2.383) sowie Wohn- und Gartenzeitschriften (+6,6%/6.913).
Die meisten Anzeigen verkaufte in den ersten neun Monaten des Jahres der STERN (+6,9%/2.831), vor FOCUS (-0,7%/2.731) und SPIEGEL (+1,4%/2.469).
Gemessen wird für diese Erhebung allerdings lediglich das Anzeigenvolumen. Zu welchem Preis die Seiten verkauft wurden, ist nicht Gegenstand der Betrachtung. Über die tatsächliche wirtschaftliche Entwicklung der Verlage sagt die Statistik also in Wahrheit wenig.
Beckmanns Bücher
Reinhold Beckmann hat jetzt eine Kolumne exklusiv in tv Hören und Sehen. Monatlich gibt der Kuschelmoderator zum Besten, was er den Lesern literarisch ans Herz legen möchte. Dazu heißt es in der Premium-Pressemitteilung:
Mit der neuen Kolumne von Reinhold Beckmann setzt tv Hören und Sehen konsequent sein erfolgreiches Premium-Konzept fort. “Wir freuen uns, Reinhold Beckmann exklusiv für diese Kolumne gewinnen zu können. Damit werden wir unserem Anspruch gerecht, dem Leser in jedem Heft absolute Premium-Qualität zu bieten”, erklärt Uwe Bokelmann, Chefredakteur tv Hören und Sehen.
Maxi maximiert Preis
Schon einmal in diesem Jahr erhöhte der Bauer-Verlag den Copy-Preis für Maxi von 1,90 Euro auf 2,00 Euro. Ab Ausgabe 11/06 steigt er nochmals auf 2,20 Euro. In der ersten Ausgabe zum neuen Preis steckt als Goodie ein Beauty-Special, das zusätzlich auch in Filialen der Parfümerie-Kette Douglas ausliegt.
Die Krise der Verlage
Auch wenn es in dem Artikel in der Berliner Zeitung hauptsächlich um den Zeitungsmarkt geht (zumindest indirekt sind auch Zeitschriften (Wirtschaftswoche) betroffen), Ralf Mielke geht der Frage nach, warum denn gerade jetzt so viele Verlage Stellen abbauen: Das Hauptproblem ist die Einnahmenseite.
Im ersten Halbjahr 2006 sanken die Anzeigenumfänge wieder um ein halbes Prozent. Genau darin sieht der Medienwissenschaftler Horst Röper das Problem. Denn zwar hätten die Zeitungsverlage die krisenbedingten Umstrukturierungen im Wesentlichen abgeschlossen. “Aber die Maßnahmen bezogen sich fast ausschließlich auf die Kostenseite. Die Einnahmesituation konnten die Verlage nicht verbessern”, sagt der Leiter des Dortmunder Formatt-Instituts.
Was Männer dann doch nicht brauchten.
alexx - “Das Magazin, das Männer brauchen”. So ging Walter Drechsel – Alleingesellschafter, Geschäftsführer und Chefredakteur in Personalunion – am 18. August 1999 an den Start. Dem Vernehmen nach hatte der ehemalige Chef des einstigen DDR-Programmies “F.F. Dabei” sein Konzept für ein Männermagazin so ziemlich jedem Verlag angeboten.
Nachdem alle abgewunken hatten, versuchte er es dann selbst. Den Anzeigenkunden versprach der Verleger 100.000 verkaufte Hefte. Am Ende waren es wohl weniger Männer, die das Heft brauchen. Es verschwand schnell wieder vom Markt.
Das Ding war aber auch schlecht. Und ich darf das sagen, ohne dass es mir als nachträglich-hämische Besserwisserei ausgelegt werden kann. Denn nach der Erstausgabe habe ich nie wieder ein Heft gekauft. Und das hat Gründe. Die beginnen mit Seite 1, enden auf Seite 100 und kosteten damals fünf Mark.
Das bedauernswerte an der Zeitschrift war wohl, dass ihre Macher alles falsch gemacht haben. Das Layout war so mittel, die Texte waren schlecht, die Fotos einfalsslos, die Druckqualität bescheiden und im Zentrum von allem stand ein ganz merkwürdiges Männerbild. Ich glaube, Herr Drechsel muss in seinem Leben oft schlecht behandelt worden sein und dies auf sein Geschlecht zurückgeführt haben.
Denn alexx ist eine nich enden wollende Rechtfertigungsorgie, warum Männer gar nicht so scheiße sind. Das beginnt mit den 10 Gründen, warum es gut tut ein Mann zu sein, findet seine Fortsetzung mit kleinteilig eingestreuten Informations-Häppchen (Männer tragen 70,7 Prozent des Lohnsteueraufkommens in Deutschland) und endet noch lange nicht mit der Jubel-Meldung, dass immer mehr Männer täglich baden.
Das Blöde dabei: Während alexx nun also zeigen will, das Männer super sind, geht das Magazin von einem Archetypen Mann aus, den man sich gruseliger nicht vorstellen könnte. Wie man sich am besten bei Alkoholkontrollen rausredet, warum man mit Frauen nicht leben kann, warum das AIDS-Risiko gar nicht so hoch ist, wie immer alle tun (inklusive Landkarte, in der farblich deutlich gemacht wird, wo es die meisten Krankheitsmeldungen gab), wie Männer so sind, was man anziehen sollte, um eine Lolita rumzukriegen – das sind die Fragen, die alexx damals beantwortete.
Alles in allem muss man dem Heft also keine Träne hinterherweinen. Es war schlecht gedacht, schlecht gemacht und überhaupt. Wobei ich nicht behaupten will, dass das, was nach alexx kam (FHM, Maxim etc.), viel besser ist. Insofern mag Verleger Drechsel manche Träne darüber vergossen haben, dass es anderen gelang, mit derlei Dingen Geld zu verdienen.
Yvonne muss ran
Wie der kress report heute eilmeldet, übernehmen Verlegertochter Yvonne Bauer sowie Verlagsgeschäftsführer Programmzeitschriften Andreas Schoo in der Bauer Verlagsgruppe die Aufgaben der geschassten Vertriebschefs Bernd Baginski und Johan van der Sluis komissarisch.
Nachtrag: Es handelt sich nach kress-Information um eine ganze Arbeitsgruppe, der die beiden angehören, die nun den Vertrieb auf Vordermann bringen soll.
das berlin-heft ohne berlin
Die Kunstzeitschrift art hat ein Berlin-Heft herausgebracht. Die Schwadroneuse hat es gelesen:
manche nennen sie ja die “bildzeitung der kunstzeitschriften”. ich nenne sie die “frau im spiegel” der kunstzeitschriften: wo es die kunst schafft, fragen zu stellen, hat die art die antworten. das war schon immer so und nichts ist unappetitlicher als unerfüllte erwartungen.
während die kunst sich an der peripherie entlangtastet, serviert uns die zeitschrift art jeden monat die zentralsten orte in mundgerechten stücken. mir persönlich ist zwar nichts unangenehmer, als durch fotostrecken zu stöbern, in gedanklichem wirrwarr zu schwelgen und unten rechts in einem einzigen satz alles erklärt zu bekommen.
dem wirrwarr den garaus machen – das schafft die art. aber wenn man beim zahnarzt im wartezimmer auf seine wurzelbehandlung wartet und es ist grad nix anderes da, da überfliegt man schon mal ein paar bilder, namen, und stellt fest – wenn man auch die letzten zwei, drei jahre keine in den händen hielt, so muss man sich doch überhaupt keine sorgen machen, alles ist noch an ort und stelle.
nicht nur, dass sich in der aktuellen ausgabe der kunstzeitschrift art, über die “künstlerstadt berlin”, nichts überraschendes findet, die “üblichen verdächtigen”, von denen bereits jede andernhalbte ausgabe berichtet hat – hier werden erwartungsgemäss nochmal alle aufbereitet.
drei specials über drei alte bekannte, den gebürtigen rosenheimer künstler florian slotowa, den der münchner thomas demand, und – quotenhalber natürlich – die südafrikanerin candice breitz, die allesamt so wie jeder andere kapiert haben, dass so ein “lebt und arbeitet in berlin” eine vita ungemein aufwertet, wenn sie auch sonst nicht viel miteinander zu tun haben. und im einzelnen berichte über kunst, die mit berlin genauso wenig bis nichts zu tun hat.
und wenn sie doch etwas mit der stadt zu tun hätte – die art umschifft das mit sicherem händchen, wagt nichts, was nicht schon irgendwo anders geschreiben wurde. aber keine sorge, sagt sich die redaktion, um den bezug zur stadt nicht ganz zu verlieren, liefert man einfach eine umfrage, die sogar das frau-im-spiegel-niveau auf einen gesetzteren brigitte-standard anhebt und nennt das dann: “Atelier der Welt: Was finden die Künstler aller Länder eigentlich so toll an Berlin?”, packt sogar noch ein interview mit der leiterin des art forums berlin als zugabe obendrauf. establishment galore.
das art-paket berlin ist geschnürt und von der stadt, ihrer heterogenität, den hintergründigkeiten, etwaigen vernetzungen der zugereisten kunstschaffenden, die die künstlerische arbeit beeinflusst, von alldem erahnt man sogut wie nichts, aber das ist ja auch nicht die aufgabe dieser journallie, was geht das die leser eines heftes auch an, das es sich zur aufgabe gemacht hat, klarheit zu schaffen. und wäre ich potentielle investeurin, ich wäre bedient.
Das Messer Magazin

Ich bin immer sehr dankbar, wenn ich mal an einem anderen Ort die bunte Welt der Zeitschriften durchforsten kann. Da man dort dann auf Perlen stößt, die einem verborgen bleiben. Deshalb freute ich mich sehr, als ich vor ein paar Wochen, es war weit vor meinem Urlaub, die Möglichkeit hatte, die Wartezeit am Münchner Flughafen in einem der bestsortiertesten Zeitschriftenläden zu besuchen. Und so entdeckte ich das Messer Magazin – “Die große Zeitschrift rund ums Messer”. Ein wahrer Schatz für 5 Euro, der seit 1999 alle zwei Monate am Kiosk oder im gut sortierten Stahlfachwarengeschäft erscheint bzw. ausliegt. Und das 90 Seiten starke Heft hält, was es verspricht: Keine Seite ohne Messer. Das Magazin erscheint übrigens im Wieland Verlag, der ansässig in Bruckmühl ist. Die Auflage beträgt “mindestens 10.000″ Hefte, was doch auch einmal eine nette Umschreibung für eine sehr begrenzte Leserschaft ist.
Genug Vorgeplänkel, rein ins Heft. Und da wird man auch gleich von Chefredakteur Hans Joachim Wieland begrüßt: das Editorial, in dem man sogleich sehr viel über die Zielgruppe erfährt:
Ich weiß nicht, wie viel Geld Sie durchschnittlich für ein Messer ausgeben. 50 Euro? 500 oder gar 5000 Euro? Alles ist möglich.
Ja, richtig, alles ist möglich. Ich musste wirklich lange überlegen, da diese Worte suggerieren, dass der Messerkauf eine ähnliche Rolle in meinem Leben einnehmen könnte, wie der Wäsche-, T-Shirt- oder gar Schuhkauf. Dass es Menschen gibt, auf die das zutrifft, macht ein Blick auf Seite 80 deutlich. Dort wird nämlich der “Messerarbeitskreis München” vorgestellt. Ein Foto zeigt Herren und zwei Damen (ob es sich dabei nur um begleitende Ehefrauen handelt, ist nicht überliefert), die sich regelmäßig treffen, um
Gedanken auszutauschen, gemeinsam neue Ideen zu entwickeln und sich gegenseitig mit Rat und Tat zu unterstützen.
Ein Werbekatalog könnte nicht schlimmer klingen. Aber gut, das Magazin ist ja nicht zum Menscheln da. Hier geht es um harte Fakten. Mehrere Messer werden im Porträt vorgestellt, in einer Bilderserie wird gezeigt, wie man sich einen japanischen Griff bastelt und auf den 12 Seiten zur Leserwahl kann man sich die Leser und ihre Lieblings-Fantasymesser betrachten. (Laut Mediadaten ist das der wichtigste Messer-Award Deutschlands.)
Alles sehr faktenbasiert, mit Datenübersichten bei den einzelnen Porträts, einer sehr trockenen Sprache und einfachen Bilder. Nebenbei noch ein paar Shoppingtipps für Schnäppchenjäger (“Die besten Messer bis 20 Euro”) und fertig ist das Fachmagazin.
Doch je länger ich durch dieses Heft blättere, desto mehr Angst macht sich bei mir breit: Tragen besagte Leser dieses Heftes ihre Kreationen auch auf der Straße mit sich herum? Wofür braucht man diese Vielzahl an Messer? Oder sind diese Leser vergleichbar mit solchen, die sich auf die Überraschungseierfigurensammelei versteift haben? Ich möchte wirklich und vom ganzen Herzen letzteres hoffen, befürchte aber andere Beweggründe.
Beleuchtung des Gemetzels
Die Financial Times Deutschland bringt etwas mehr Licht in das Management-Gemetzel der Bauer Verlagsgruppe. Waren also vielleicht Drückerkolonnen der springende Punkt.
