Ist jemals ein Chefredakteur nach seinem Abgang offiziell so mit Gülle übergossen worden wie Lisa Ortgies nach Ihrer Trennung von Emma? Zumindest in den letzten 14 Jahren kann ich mich nicht daran erinnern. Dabei ist das gar keine Frage von Schuld. Es ist schlicht eine Frage der Souveränität. Und Alice Schwarzer hat davon erschreckend wenig.
Für jene, die das in den letzten Tagen nicht verfolgt haben, die Kurz-Zusammenfassung. Im Dezember gab Alice Schwarzer bekannt, sich aus dem operativen Geschäft der von ihr gegründeten Emma zurückzuziehen. An ihrer Stelle sollte Lisa Ortgies, bis dahin Moderatorin der WDR-Sendung frau.tv, die Chefredaktion übernehmen.
Das lief wohl alles nicht so wie geplant, man trennte sich. Ortgies ließ im SPIEGEL wissen, sie habe sich mit ihren Ideen nicht gegen Schwarzer durchsetzen, “keinen konzeptionellen Vorschlag und keines der Themen für die ich angetreten bin, verwirklichen können”. Ja nun, das ist eben manchmal so. Mitarbeiter verlassen Unternehmen und geben dann nicht das beste Zeugnis für ihren Ex-Arbeitgeber ab.
Bereits im SPIEGEL wurde Alice Schwarzer jedoch damit zitiert, dass Ortgies ihren Arbeitsantritt “wegen familiärer Verpflichtungen – sie nannte explizit ‘Kinder in Hamburg’ und einen ‘kranken Vater’ – mehrfach verschob”. Für die Verlegerin einer feministischen Frauenzeitschrift durchaus ein schwieriges Zitat.
Was macht nun aber die Emma-Redaktion? Klassisch hätte es eine Pressemitteilung gegeben, in der man mitteilt, es gebe unterschiedliche Auffassungen über die Ausrichtung des Blattes, jedoch keine persönlichen Gründe und fertig ist die Laube.
Aber nein. Alice Schwarzer teilt nun richtig aus und lässt die Welt per Pressemitteilung wissen, Lisa Ortgies sei “nicht für die umfassende Verantwortung einer Chefredakteurin” geeignet. Autsch! Volle Breitseite. Was auch immer Frau Ortgies zur Trennung beigetragen haben mag – sie ist von nun an das Opfer. Denn ein solches Nachtreten des Arbeitgebers, zumal derart öffentlich, ist gegen jeden Anstand.
Entsprechend sehen die Pressemeldungen und Leser-Reaktionen aus. Nicht zuletzt im Emma-Online-Forum wird leidenschaftlich debattiert. Und was passiert in der Emma-Redaktion? Einsicht, Wunden lecken, Mund halten, entschuldigen? Pah!
Die “Emmas”, also die gesamte Redaktion, teilt nun öffentlich “in eigener Sache” mit:
[...] Wir alle hatten darum ab Mitte Mai kaum noch Hoffnung, dass Lisa Ortgies in Zukunft die Verantwortung einer Chefredakteurin von EMMA würde schultern können. Darum haben wir mit Alice gesprochen und ihr gesagt: „Es geht mit Lisa so nicht weiter. Da müsste sich ganz viel ändern, wenn sie wirklich die Verantwortung für die Chefredaktion übernehmen soll.“ Wir hatten allerdings gehofft, dass selbst im Falle einer Trennung Lisa weiter für uns schreibt und sich aktiv in EMMA einbringt (dies vor allem in ihren Spezialgebieten Familie und Beruf).
Es ist vor diesem Hintergrund für uns besonders abwegig, dass Lisa Ortgies nun in der Öffentlichkeit versucht, die Trennung mit einem Konflikt zwischen ihr und Alice zu begründen. Denn von uns allen hat Alice sich am meisten gewünscht, die Chefredaktion in kompetente Hände legen zu können! [...]
Es geht also noch peinlicher. Aber selbst diesem Dokument des Grauens setzen die Damen noch einen drauf. Als handle es sich um einen Staatsakt, veröffentlichen sie ein dreiseitiges PDF-Dokument “Chronologie der Ereignisse”, in dem der Fall noch einmal richtig breitgetreten wird. Ergänzt um ein weiteres PDF – eine gemeinsame “Erklärung zur einvernehmlichen Trennung”, zu deren Unterschrift man Ortgies bringen wollte.
Das ist alles wirklich widerlich. Man steht daneben und staunt, wie eine gestandene Verlegerin derart die Contenance verlieren kann. Und wer sich wohl als nächstes an das Amt wagen wird.
admin |
Dienstag, 03. Juni 2008 | 16:19
Frisch vom Boulevard |